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Chronischer Stress © Sylvia NiCKEL

Chronischer Stress: Tor zum Burnout (Video)10 Minuten Lesezeit

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Chronischer Stress saugt uns aus. Alle Lebensbereiche leiden. Dabei gelten viele Risikofaktoren als »hausgemacht«. Was wirklich hinter Burnout steckt und wie du chronischen Stress vermeidest: ein wunderbarer Vortrag von Univ.-Doz. DDr. Raphael Bonelli.

Chronischer Stress: eine Anpassungsstörung?

Wer dauerhaft negativem Stress ausgesetzt ist, kann nicht nur ausbrennen, sondern leistet effektiv auch weniger. Ja, richtig gelesen: trotz Überstunden und Mehrarbeit leidet der Output, bis zu 50 Prozent. Dies liegt an der körperlichen Reaktion auf negativen Stress (Distress). Denn urzeitlich gerieten wir unter Stress, wenn der berühmte Säbelzahntiger oder andere Gefahren lauerten. Das Gehirn fährt auf Notprogramm:

  • Verdauung einstellen,
  • Blutdruck für die Muskulatur erhöhen,
  • Abschalten des Intellekts, denn dieser ist hinderlich bei den möglichen Reaktionen:
  • Angriff, Weglaufen oder Starre als Option einrichten.

Chronischer Stress kann auch eine Folge fehlgeleiteter Anpassung sein. Wir vermuten, dass dies, das und jenes von uns erwartet wird und stürzen uns in den Stress, weil nicht alles unter den berühmten Hut passt. Doch, wer hat einen Zettel in der Hand, auf dem steht: du sollst …?!? Und selbst wenn: wem steht es zu, uns diese Vorschriften zu machen?

»Burnout ist eine Anpassungsstörung wie die “Posttraumatische Verbitterungsstörung”«, so Raphael Bonelli, auch wenn Burnout bisher nicht klassifiziert ist. Reaktive Störungen wie die Posttraumatic Embitterment Disorder (PTED) können physische Störungen auslösen. Eine chronische Anpassungsstörung leidet an der gedachten Kausalität. Burnout hat viel mit mangelnder Motivation zu tun, und zwar intrinsischer. Wir rackern uns ab, um Anerkennung im Außen zu bekommen, statt uns zu fragen, was uns wirklich wichtig ist.

Chronischer Stress bedeutet auch die Abwesenheit von Resilienz und damit die Fähigkeit, Krisen zu meistern. Du kannst diese durch Abschalten und Auftanken steigern. Wie steht es nun um dein persönliches Burnout-Risiko?

Chronischer Stress © Sylvia NiCKEL

Chronischer Stress: Prüfe deine Risikofaktoren

Bonelli nennt einige interessante Faktoren, die man für sich selbst prüfen sollte, um nicht in den Stress der Nomophobie zu kommen. Dabei handelt es sich um das 2-Stufen-Modell von Herbert Freudenberger und Gail North im Rahmen des Burnout-Screenings.

12 Stufen der Burnout-Spirale

  1. Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen.

(Gedanken wie »Mein Beruf ist mir total wichtig«)
Diese extrinische Motivation zielt auf die Wertschätzung durch andere. Damit begibst du dich in ein perfektes Hamsterrad. Was machst du für dich selbst und was aus Wertschätzungswunsch, Geltungsstreben, Anerkennung?  Es ist zu viel Ichhaftigkeit (Dienst am Ich) und zu wenig Sachlichkeit (Dienst an der Sache). Diese hohe Involviertheit in die Arbeit ist der erste Schritt, viel zu viel tun zu wollen und daran körperlich zu scheitern.
➡ Prüfe deine Werte.

2. Innerer Druck alles, selbst und alles richtig machen zu müssen.

(Gedanken wie »Ohne mich geht gar nichts«)
Willkommen in der Perfektionismusfalle: die panische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit sowie zu hohe Leistungserwartungen an sich selbst führen zu extremer Überbelastung. Viele Betroffene können nicht wirksam delegieren und führen; überall droht Mikromanagement. Sie verzetteln sich an den Aufgaben anderer.
Prüfe dein Zielsystem.

3. Verdrängung eigener Bedürfnisse, beispielsweise nach Ausgleich und Schlaf.

(Gedanken wie »Wochenende? Welches Wochenende?!?«)
Die Götter Chronos und Kairos stehen hierfür. Kairos bringt langfristig Freude. Er ist der Gott des richtigen Zeitpunkts. Kronos steht für die gemessene Zeit und den Umgang damit. Wer beispielsweise erst alle Gefälligkeiten abarbeitet um dann längst nach Feierabend zur Tagesaufgabe zu zu schreiten wird das Schicksal von Kronos gehen. Denn er definiert die Zeit nicht als seine und läuft Gefahr, sich der eigenen Lebenszeit nicht bewusst zu werden.
Prüfe deine körperlichen Signale.

4. Verdrängung von Konflikten mit Partnern oder Mitarbeitenden.

(Gedanken wie »Schlaflos jede Nacht / ich brauche kaum Schlaf«)
Mangelnde Inperfektionstoleranz lässt überall Konflikte aufkommen. Schuld sind immer die anderen. Doch das Gehirn arbeitet weiter, kommt nicht zur Ruhe. Vielleicht werden die Konflikte ertränkt oder anderweitig künstlich unterdrückt?
Prüfe deinen Beitrag.

5. Neue Prioritäten. Jetzt und Beruf oder Rolle ist alles.

(Gedanken wie »Am besten, ich ziehe ins Büro«)
Die Verleugnung des Selbst ist der nächste Schritt auf der Burnout-Spirale. Du bist dein Beruf, deine Rolle im Unternehmen. Doch was oder wer bist du ohne dies? Wie steht es um deine Spiritualität, der Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Streben nach dem Guten, dem Wahren und dem Schönen?
Prüfe deine Prioritäten.

6. Emotionale Verhärtung und Abforderung derselben von anderen.

(Gedanken wie »Alles, was nicht tötet, macht dich härter.«)
Was dir selbst kaum gelingt verlangst du implizit von allen anderen. Doch diese nicht nicht nur ihr Beruf oder ihre Rolle in der Organisation. Sie haben ein leben außerhalb, ein Leben mit Freunden, Familien, Hobbies, Sport und persönlicher Weiterentwicklung. Zur Verhärtung gehören Unverständnis, aber auch Mißgunst und Verbitterung. Wie steht es um dich, ganz tief im Inneren?
Prüfe deine Gefühle.

7. Zynischer Rückzug, insbesondere bei wohlwollender konstruktiver Kritik.

(Gedanken wie »Ja, sicher, alle anderen haben nur Weißheit gefressen.«)
Kritik scheint vernichtend zu sein, doch niemand spricht dir mit einem gut gemeinten Rat das Existenzrecht ab, – auch wenn »gut gemeint« manchmal das Gegenteil von »gut« ist. Warum meidest du bestimmte Kontakte?
Prüfe deine Schwächen.

8. Apathie und vermeintlicher Kriegszustand mit allem und jedem.

(Gedanken wie »Klar, immer gegen mich.«)
Alle gegen einen, gegen dich. Haben sie nichts anderes zu tun als sich gegen dich zu verschwören? Glaubst du dies wirklich? Wer sich mit allem im Krieg fühlt, kann keinen Frieden finden, denn dieser entsteht in dir. Sei du der Frieden, den du von anderen forderst.
Prüfe deinen Frieden.

9. Mensch-Maschine-Verwechselung. Rein mechanistisches Leben.

(Gedanken wie »Ich muss halt funktionieren.«)
Denke an die vier Fragen aus »The Work« von Byron Katie: 1. Ist das wahr? 2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? 3. Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst? 4. Wer wärst du ohne den Gedanken?
Prüfe dein Weltbild.

10. Innere Leere und Mutlosigkeit, vor allem auch, die Situation zu ändern.

(Gedanken wie »Das kann man nicht ändern; die Welt ist halt so.«)
Distress kennt Flucht, Angriff oder Starre als elementare Reaktionsmuster. Welche Ängste lassen dich in der der Starre verharren. Und was wäre, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe als diese drei?
Prüfe deine Ängste.

11. Depression und Sinnentleerung.

(Gedanken wie »Hoffentlich ist bald alles vorbei.«)
Ob Arbeit oder nicht. Wertschätzung von Außen ist nicht in Sicht. Dann scheint das Leben sinnlos. Du fühlst dich machtlos, etwas zu ändern, vor allem bei dir selbst. Die Spirale, die einst mit einer Hypermotivation, leider ausschließlich extrinsisch, begann ist bald an ihrem Ende angekommen.
Prüfe deinen inneren Antrieb.

12. Völlige Erschöpfung: Körperliche Notsignale und Systemversagen.

(Gedanken wie »Ich kann mich weder konzentrieren noch etwas fehlerfrei fertig stellen.«)
Völlige Erschöpfung äußert sich sprichwörtlich durch Systemzusammenbruch. Die Palette ist weitreichend von aus Erschöpfung infolge Unachtsamkeit verursachten Unfällen über Bandscheibenprobleme, Herzrasen, Herzinfarkt bis zum Totalausfall aufgrund einer dieser oder anderer Notsignale.

Anhand der Statements kannst du prüfen, ob und inwieweit du betroffen bist oder jemand in deinem Umfeld. Es gibt im Vortrag auch Tipps, wie du zumindest die ersten Stufen selbstbestimmt zurück drehen kannst oder Betroffenen in deiner Umgebung helfen kannst. Die Prüffragen mögen einen ersten Hinweis liefern. Ein wichtiger Schlüssel der Burnout-Prophylaxe ist die Resilienz. Auf jeden Fall sollte einer fortgeschrittene Burnout-Spirale professionell begegnet werden. Suche dir Hilfe oder vermittle diese bei Betroffenen.

Chronischer Stress: Bin ich gefährdet?

Peter Stadler legt hier einen Fragebogen vor und bittet auf folgende Aussagen mit »niemals, 1-2 mals, selten, manchmal, oft, meistens« den Grad der Zustimmung zu geben. Beantworte, wie oft du

  1. müde bist,
  2. dich niedergeschlagen fühlst,
  3. einen guten Tag hast,
  4. körperlich erschöpft bist,
  5. emotional erschöpft bist,
  6. glücklich bist,
  7. „erledigt“ bist,
  8. „ausgebrannt“ bist,
  9. unglücklich bist,
  10. sich abgearbeitet fühlst,
  11. dich gefangen fühlst,
  12. dich wertlos fühlst,
  13. überdrüssig bist,
  14. bekümmert bist,
  15. über andere verärgert oder enttäuscht bist,
  16. dich schwach und hilflos fühlst,
  17. dich hoffnungslos fühlst,
  18. dich optimistisch fühlst,
  19. dich tatkräftig fühlst,
  20. Angst hast.
Peter Stadler: Burnout-Fragen

Burnout-Fragebogen von Peter Stadler

Organisationale Interventionsmöglichkeiten

Unternehmen und auch du als mitarbeitender Mensch kannst etwas zur Entstressung beitragen. Peter Stadler nennt folgende Ansatzpunkte:

  • Transparenz und Rollenklarkheit,
  • Partizipationsmöglichkeiten,
  • Kompetenzentwicklung,
  • Angemessenes Belohnungssystem,
  • Arbeitsgestaltung,
  • Mitarbeitergespräche,
  • Vermittlung eines realistischen Berufsbildes.

Diese Auszuführen würde den Umfang des Artikels sprengen. Daher findest du den Link zum PDF von Peter Stadler in den Referenzen. – Nun aber vom Vortrag von Raphael Bonelli.

Raphael Bonelli: Chronischer Stress und Burnout-Prophylaxe

Der Vortrag »Bis an die Grenze – und dann? Burnout-Prophylaxe in Gesundheitsberufen« im Rahmen des Symposiums »Grenzsituationen in Medizin und Pflege« des Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) am 22.11.2019 in Wien hat einen sperrigen Titel, ist jedoch sehr kurzweilig und vor allem aufschlussreich. Lege dir Zettel und Stift bereit und nimm dir ein paar Minuten bei einem Gedankenblitz.

Upload 30.11.2019 | 35 Minuten

Puh, diesen Artikel begann ich am 30.11.2019, direkt nach Genuss des Vortrags. Welche Perfektionismusansprüche hielten mich nun 28 Tage von der Publikation ab? 😉
De-stress yourself & N.JOY your Life,
Sylvia Nickel

Referenzen

Elisabeth Ponocny-Seliger: 12-Phasen-Burnout-Screening, in: ASU, Zeitschrift für medizinische Prävention, Online am

Herbert Freudenberger; Gail North: Burn-out bei Frauen. Über das Gefühl des Ausgebranntseins. Frankfurt/Main: Krüger 1992. ISBN 978-3-596-12272-1

Peter Stadler: Das Phänomen Burnout und was man dagegen tun kann, auf: Landesamt für Gesundheitheit und Lebensmittelsicherheit Bayern 2006, URL https://www.lgl.bayern.de/downloads/arbeitsschutz/praevention/doc/burnout2006.pdf. (Abruf 27.12.2019 um 11:13 Uhr)

Byron Katie: The Work. Der einfache Weg zum befreiten Leben, Goldmann 1999. ISBN 978-3-442-14175-3

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Autor: Sylvia Nickel

Diplom-Ökonomin. Freiberuflich beratend seit 1992 & Inhaberin der NiCKEL Business Performance, Oberhausen (http://2nc.de/).

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